Der Vorhang im Staatstheater war gerade gefallen. Friedrich Schillers Wilhelm Tell war ein voller Erfolg gewesen – jedenfalls auf der Bühne. Doch als Reiner und Birgit vor die Tür traten und der nächtliche Wind über den Vorplatz wehte, zeichnete sich vor ihrem leuchtend orangen Flitzer bereits das nächste Drama ab.
Reiner, im eleganten Smoking, tippt sich mit verständnislosem Blick an den Kopf und zeigt energisch zur Seite: „Sag mal, Birgit, war der Apfel heute Abend nicht schon Schicksal genug? Musstest du den Wagen jetzt wirklich exakt unter dem Schild für das absolute Halteverbot parken?! Die Knöllchengebühr ist bald höher als die Eintrittskarten für die Loge!“
Birgit, im umwerfenden roten Abendkleid, lehnt sich demonstrativ locker an die Beifahrertür. Sie hebt verschmitzt die Hand und entgegnet ungerührt: „Ach, Reiner! Erstens: Es war die einzige Lücke nahe dem Foyer, in der dein geliebter Sportwagen keine Kratzer abbekommt. Und zweitens: Es geht dir doch gar nicht um den Strafzettel!“
Reiner stutzt. „Ach nein? Worum denn sonst?“
„Du bist doch nur geladen, weil der Schauspieler, der den Gessler gespielt hat, mir beim Schlussapplaus drei Sekunden zu lange in die Augen geschaut und Handküsse ins Publikum geworfen hat!“, sagt Birgit mit einem feinen Lächeln. „Gib es zu, du hast eifersüchtig auf die Bühne gestarrt, als hättest du selbst eine Armbrust in der Hand!“
Reiner versucht ernst zu bleiben, doch die gestellte Empörung bröckelt rasch. Ein Schmunzeln schleicht sich über seine Lippen. „Gessler? Dieser Landvogt im Samtwams? Bitte! Wenn überhaupt, dann hätte ich den Apfel höchstens knapp verfehlt... aber gut, vielleicht war der Blick wirklich etwas zu engagiert.“
Birgit lacht leise, tritt um die Motorhaube herum zu ihm rüber und sieht ihn sanft an. „Siehst du? Dabei weißt du doch ganz genau, dass mein persönlicher Held nicht auf der Bühne steht. Du musst keinen Apfel vom Kopf schießen, um mich zu beeindrucken – auch wenn dein Einparken auf der Verbotszone sportlich war.“
Reiner schüttelt lächelnd den Kopf, vergisst den Falschparker-Ärger auf der Stelle und zieht Birgit zu sich heran. Unter den warmen Straßenlaternen der Stadt küssen sich die beiden innig – und die Welt rund um Schillers Klassiker, Sportwagen und Knöllchen steht für einen Moment völlig still.![]()
![]()
![]()
![]()
Kommentare 1