Das letzte Opfer


Die kalte Morgenluft im Misburger Wald bei Hannover hing wie ein feuchtes Laken zwischen den Kiefern. Ich stand im Schatten einer mächtigen Eiche, die Axt schwer in der Hand. Zu meinen Füßen lag der Junge, bleich und zitternd. Er glaubte wohl immer noch, wir suchten nur nach Brennholz für meine Küche in der Roten Reihe.

„Leg dich hin, mein Junge“, flüsterte ich und strich ihm über das Haar. Das Metall der Axt schimmerte stumpf im ersten Dämmerlicht. Ich spürte das Pochen in meinen Schläfen – dieses Drängen, das mich immer dann überkam, wenn die Welt um mich herum zu laut und der Hunger nach Ruhe zu groß wurde.

Ich hob die Axt. Nicht zum Schlagen, nur zum Wiegen. Ein kurzes, scharfes Handeln, dann wäre er bei den anderen in der Leine, und ich hätte wieder Frieden.

„Keinen Zentimeter weiter, Haarmann!“

Die Stimme schnitt durch die Stille wie ein Peitschenknall. Ich erstarrte. Aus dem dichten Unterholz traten zwei Gestalten. Voran Oberinspektor Jürgen Klein, den Mantel fest zugeknöpft, den Revolver im Anschlag. Sein Gesicht war eine Maske aus Zorn und Entschlossenheit.

„Lassen Sie die Axt fallen. Sofort!“, befahl Klein. Sein Gehilfe, ein junger Mann mit bleichem Gesicht und zittrigen Händen, trat flankierend zur Seite, die Dienstmarke wie einen Schutzschild vor sich herhaltend.

„Herr Inspektor...“, setzte ich an und versuchte mein harmloses Lächeln aufzusetzen, das Lächeln des netten Onkels vom Bahnhof. „Wir machen doch nur einen Spaziergang. Der Junge ist müde, das ist alles.“

„Sparen Sie sich die Lügen“, knurrte Klein und trat einen Schritt näher, die Waffe unnachgiebig auf meine Brust gerichtet. „Wir beschatten Sie seit der Altstadt. Wir wissen, was in Ihrem Koffer ist, und wir wissen, was Sie im Schlamm der Leine versteckt haben. Heute wird niemand zerstückelt.“

Der Gehilfe stürzte vor und riss den Jungen hoch, der schluchzend in seinen Armen zusammenbrach.

Ich sah in Kleins Augen und erkannte, dass mein Spiel als V-Mann der Polizei vorbei war. Der Schutzmantel war zerrissen. Die Axt entglitt meinen Fingern und schlug stumpf auf dem weichen Waldboden auf.

„Handschellen, sofort!“, rief Klein seinem Gehilfen zu, ohne mich auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. „In Hannover wartet ein Zuchthaus auf Sie, Haarmann. Und wenn es nach mir geht, wird es das Letzte sein, was Sie von dieser Welt sehen.“

Die Vögel begannen zu zwitschern, als die Eisen um meine Handgelenke klickten. Der Wald war friedlich, doch für mich war es die letzte Stille vor dem Schafott. :saint:

Kommentare 6

  • Eine Info aus dem Archiv: Die letzte Hinrichtung in der DDR und auf deutschem Boden wurde am 26. Juni 1981 in Leipzig an Werner Teske vollstreckt.

    Er war allerdings kein Axtmörder.  :nachdenklich:

    • Danke für die Info! Hätte ich gewußt! :thumbup:

    • Und damit bist Du ein Wunschkandidat der Sendung "Wer weiß denn sowas" :applaus

  • Das ging ja dann gut aus, außer für Haarmann. :thumbup:

  • Ach nee, da warte ich doch lieber noch ein Weilchen....

    in der Hand einen Strauß voller Veilchen

    Statt dem blöden Hacke..... ;(

  • Warte, warte nur ein Weilchen ...


    Na, dann – freuen wir uns auf friedliche Ostern ;)