Das Echo der Einsamkeit
02:47 Uhr Weltzeit, Raumstation "Cassiopeia", Orbit über der Erde.
Dr. Reiner Jordan, leitender Astrophysiker, warf einen letzten Blick auf die externe Kameraüberwachung. Das, was seine Instrumente in den letzten Stunden angekündigt hatten, war nun bittere, überwältigende Realität. Ein riesiger, fragmentierter Asteroidenschwarm – ein Trümmerfeld aus kosmischem Schicksal – driftete bedrohlich nah an die Erde heran. Die Hauptmasse, ein gewaltiger, zinnenartiger Felsbrocken, dominierte den Blickwinkel, seine Oberfläche ein Mosaik aus Schatten und dem fahlen Licht der nahen Sterne. Die Atmosphäre der Erde darunter leuchtete bereits an den Rändern, ein untrügliches Zeichen für den sich ankündigenden Eintritt.
Reiner saß an seiner Kommunikationskonsole, das Licht des Bildschirms war das einzige, was sein Gesicht erhellte. Seine Hände zitterten leicht, nicht vor Angst, sondern vor der puren, unerträglichen Notwendigkeit des Augenblicks. Es war vorbei. Die Berechnungen waren unerbittlich; der Einschlag würde in weniger als einer Stunde erfolgen und das Leben auf dem Planeten unweigerlich auslöschen.
Er hob den Hörer für die Videoübertragung. Seine Familie war tausende Kilometer entfernt, auf der Oberfläche, in der Sicherheit ihres Heims. Oder zumindest, was sie für Sicherheit hielten.
"Birgit?" Seine Stimme brach, als er sie auf dem Display sah, ihre Gesichter von Sorge und Angst gezeichnet.
"Reiner! Schatz, wir hören nichts in den Nachrichten, was ist los? Alle Kanäle sind tot!"
"Birgit, hör mir zu. Bitte." Er musste stark sein, für sie. "Es ist... es ist so, wie wir es befürchtet haben. Das Trümmerfeld. Es ist da. Jetzt."
Er sah das Entsetzen in ihren Augen. Es war ein Moment von unendlichem Schmerz, komprimiert in den Bruchteil einer Sekunde, als die Realität sie traf.
"Reiner... wir... wir wissen, dass es eine Chance gibt..." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, ein verzweifelter Versuch, an eine Hoffnung zu klammern, die es nicht gab.
"Nein, Birgit. Es gibt keine Chance. Es tut mir so leid. Es tut mir leid, dass ich nicht bei euch bin." Tränen begannen über seine Wangen zu laufen. Er wollte ihnen sagen, wie sehr er sie liebte, wie sehr er sie schätzte, was sie ihm bedeuteten. Er wollte ihnen danken für all die Jahre, für das Glück, für die Liebe.
Plötzlich, mitten im Satz, flackerte das Bild. Ein Knistern, ein Rauschen, eine Störung durchzog die Verbindung. Es war keine gewöhnliche atmosphärische Störung. Es war die elektromagnetische Signatur des nahenden Einschlags, die die Ionosphäre ionisierte und die ohnehin schon überlasteten Satellitensysteme störte.
"Reiner! Ich verstehe dich nicht!" Ihre Stimme wurde abgehackt, verzerrt, ein Echo ihrer selbst.
"Birgit! Birgit! Ich liebe euch! Ich liebe euch alle! Bitte, hör mich!" Er schrie es, verzweifelt, gegen die Wand des Rauschens an.
Das Bild verschwand. Ein graues, rauschendes Rauschen füllte den Bildschirm.
"NEIN!" Er hämmerte mit der Faust auf die Konsole. "Nicht jetzt!"
Er versuchte es erneut. Wahlwiederholung. Nichts. Nur Rauschen. Er überprüfte die Systeme. Totalschaden. Die Sensoren meldeten einen rapiden Anstieg der Temperatur, die Atmosphäre unter ihm war ein infernalisches Glühen.
Er lehnte sich zurück, starrte auf den Bildschirm, der nur noch das Echo ihrer letzten, verzerrten Worte wiedergab: "Wir..."
Reiner Jordan war der letzte Mensch im All. Er sah die Erde nicht mehr, nur noch das feurige Orange, das sich über dem Horizont ausbreitete. Es war ein Ende von apokalyptischer Schönheit.
Seine letzten Gedanken galten nicht seiner eigenen Angst, sondern dem Bild von Birgit und ihrer Tochter, eingefangen in diesen letzten, unterbrochenen Sekunden. Er schloss die Augen und ließ sich in das Nichts fallen, ein letzter Gruß, ein Echo, das für immer in der Stille des Weltraums verhallen würde.
03:49 Uhr Weltzeit. Die Verbindung war endgültig unterbrochen. Und kurz darauf auch die Erde selbst. Ein dramatisches, einsames Finale für die Menschheit. Und für Reiner Jordan. Das Bild des Asteroiden, war das letzte, was er vor dem Ende der Welt gesehen hatte. Ein Bild, das für immer mit seinem Schicksal und dem der Menschheit verbunden war.
ENDE
Kommentare 2
interozitor
Gutes Bild. Das eisblaue Erdlicht gefällt mir besonders.
Kushanku
Jou, so oder ähnlich wird es irgendwann mal passieren. Dann bin ich aber auch nicht mehr da um das so noch lesen zu können.