Es gibt 935 Antworten in diesem Thema, welches 95.660 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (6. November 2026 um 16:02) ist von Licke.

  • Das Werkzeug macht noch kein Bild

    Michelangelo war nicht nur ein Künstler mit außergewöhnlichen Vorstellungen. Er verstand auch den Marmor, aus dem seine Figuren entstanden. Für bedeutende Arbeiten reiste er selbst in die Steinbrüche, prüfte die Blöcke, achtete auf Adern, Risse, Körnung und Festigkeit und bestimmte, welcher Stein für seine Vorstellung geeignet war. Ebenso selbstverständlich musste er seine Werkzeuge beherrschen. Er musste wissen, welchen Meißel er an welcher Stelle ansetzte, wie kräftig ein Schlag sein durfte und wie sich eine Form aus dem Stein herausarbeiten ließ, ohne sie dabei zu zerstören.

  • Das Werkzeug macht noch kein Bild 02

    Niemand käme deshalb auf die Idee, den Wert seiner Kunst danach zu beurteilen, ob der Hammer von ihm selbst geschmiedet wurde oder ob beim Transport und bei vorbereitenden Arbeiten Helfer beteiligt waren. Entscheidend war, was Michelangelo mit all diesen Möglichkeiten anzufangen wusste.

    Einmal editiert, zuletzt von Licke (14. September 2026 um 19:18)

  • Das Werkzeug macht noch kein Bild 03


    Dass ausgerechnet er mir bei diesem Thema einfällt, hat allerdings einen sehr persönlichen Grund.

    Als die Pietà Rondanini im Castello Sforzesco noch frei zugänglich in ihrem damaligen Saal stand, war ich häufig mit dem Fahrrad im Schlosspark unterwegs. Manchmal ging ich anschließend zu ihr hinein, setzte mich in eine Ecke des Raumes und blieb dort stundenlang.

  • Das Werkzeug macht noch kein Bild 04  Castello Sforzesco – auf dem Weg zu Michelangelo (Ich im Castello - Leo war das nicht!)

    Dort saß ich also und schrieb meine Gutachten. Mit der Zeit entstand bei mir ein eigenartiges Gefühl: Die Pietà gab mir Kraft. Manchmal hatte ich sogar den Eindruck, dass sie mir Gedanken und Ideen zuflüsterte und mir half, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Jedenfalls verließ ich den Raum häufig mit dem Gefühl, dort besonders gute Arbeit geleistet zu haben.

    2 Mal editiert, zuletzt von Licke (17. September 2026 um 10:56)

  • Das Werkzeug macht noch kein Bild 05 - (Die KI hielt eine steinerne Pietà für Porno, daher eine neutrale Ausgabe. Schade, aber dieser Vorwurf wird oft leichtfertig benutzt.)

    Natürlich kann man sagen, dass dies Unsinn war. Eine Statue spricht nicht, denkt nicht mit und hilft auch nicht beim Schreiben von Gutachten. Vielleicht waren es einfach die Ruhe des Saales, die Konzentration und eine besonders gut funktionierende Form der Autosuggestion. Aber selbst dann bleibt die Wirkung bemerkenswert. Wenn ein Kunstwerk in einem Menschen Ruhe, Kraft und neue Gedanken auslösen kann, geschieht tatsächlich etwas – ganz gleich, wie man es wissenschaftlich erklärt.

  • Das Werkzeug macht noch kein Bild 06 - Damit war nicht zu rechnen.

    Vielleicht gibt es gelegentlich aber auch etwas, das sich nicht vollständig erklären lässt: ein eigenartiges Zusammenwirken von Ort, Erinnerung, Stimmung, Licht und Kunstwerk. Gerade Künstlern und Menschen, die viele Stunden mit der Gestaltung von Bildern oder dreidimensionalen Szenen verbringen, dürfte dieses Empfinden nicht völlig fremd sein. Manchmal beginnt ein Bild während der Arbeit ein Eigenleben zu entwickeln. Plötzlich weist es in eine Richtung, die ursprünglich gar nicht vorgesehen war. Natürlich weiß man, dass ein Bild keinen eigenen Willen besitzt. Trotzdem kann es sich genau so anfühlen.

  • "Licke-prompt"

    KI ist bereits in Lehrplänen von einigen Ausbildungsberufen enthalten. Es gibt sogar ab Februar 2025 eine gesetzliche Pflicht zur KI-Schulung (EU AI Act) und dadurch zur Aufnahme in Lehrpläne. Im Hobby oder künstlerischen Bereichen sicherlich noch nicht, doch mittlerweilen gibt es wohl einige Kunsthochschulen, die ab dem dritten Schudiumjahr die Möglichkeiten dafür bereitstellen.

  • Mit einigen Planzen

    Kommentar, zur Erklärung, dass ich keine Lust mehr hatte die Blatttönung an das Bild anzupassen....

    Das ist eigentlich das Schädlichste an solchen Kommentaren – sie nehmen einem schlicht die Freude an einer Arbeit, die man freiwillig und zum Vergnügen macht. Wenn man gesundheitlich ohnehin vieles nicht mehr machen kann und sich deshalb mit Bildern und Geschichten beschäftigt, braucht man keine zusätzliche Pflichtveranstaltung, bei der jeder Busch erst eine technische Prüfung bestehen muss.

    Und trotzdem funktioniert das Bild. Die Büsche sind zu grün, ja. Aber die Szene bleibt verständlich, besitzt Tiefe und erzählt etwas. Für deine Geschichte reicht das vollkommen. Es muss kein Museumsstück werden. Manchmal ist „Busch ist Busch“ sogar die gesündeste künstlerische Entscheidung.

    Und das führt mich natürlich sofort zu....

    Das Werkzeug macht noch kein Bild 07 - Busch ist Busch

    Bei der heutigen Bilderstellung ist es im Grunde nicht anders als bei der Arbeit mit dem Marmor. Grafikprogramme, 3D-Programme, Kameras, Renderprogramme und inzwischen auch Programme zur KI-Bilderzeugung sind zunächst einmal Hilfsmittel. Sie eröffnen Möglichkeiten, ersetzen aber weder Erfahrung noch Urteilskraft. Ein leistungsfähiges Werkzeug bringt nicht automatisch ein überzeugendes Bild hervor – so wenig, wie ein guter Meißel aus seinem Besitzer einen Michelangelo macht.

    Wer mit einem 3D-Programm arbeitet, muss Licht, Perspektive, Materialien, Kamerawinkel und Bildaufbau verstehen. Wer Bilder nachbearbeitet, muss Farben, Kontraste, Übergänge und zahlreiche technische Abläufe beherrschen. Auch bei der KI-Bilderstellung genügt es nicht, einige Wörter einzugeben und auf ein Meisterwerk zu warten. Man muss lernen, wie das System auf Formulierungen und Referenzbilder reagiert, wo seine Grenzen liegen, wie sich Fehler erkennen lassen und welches Ergebnis überhaupt zur eigenen Vorstellung passt.

    8 Mal editiert, zuletzt von Licke (18. September 2026 um 14:34)

  • Das Werkzeug macht noch kein Bild 08 - Haare? Weniger --- Schwert nicht mehr, jetzt Krücke ---- Treppen? Am See, nur nicht so malerisch!

    Ich selbst habe mir dabei eine ganz andere Aufgabe gestellt. Es ging mir nie darum, ein fertiges, verkaufbares Projekt herzustellen. Ich wollte lediglich herausfinden, ob auch ein uralter Mann, der sich kaum noch bewegen kann und mit der Kunst zeitlebens ein eher schwieriges Verhältnis hatte, noch etwas schaffen kann, das ihm selbst Freude bereitet. Nicht anderen – zunächst einmal nur ihm selbst.

  • Das Werkzeug macht noch kein Bild 09 - La foresta stregata

    Was lag da näher, als eine alte Geschichte aus der Versenkung zu holen? Geschrieben worden war sie viele Jahre zuvor von Kindern und Jugendlichen bis etwa sechzehn Jahren – vor allem von meinem Sohn und seiner damaligen Freundin. Einige Teile hatten sie sogar selbst illustriert.

    Die Geschichte existierte noch, ebenso manche der alten Bilder. Also begann ich, sie neu zu betrachten, zu bearbeiten und mit den heutigen Möglichkeiten zu illustrieren.

    Das Schöne an dieser Arbeit – und das will ich nicht verschweigen – waren die Erinnerungen, die dabei wieder lebendig wurden. Und da meine künstlerische Ader eher schwach ausgeprägt und meine Lernfähigkeit inzwischen doch etwas angeschlagen ist, bot mir diese alte Geschichte zugleich einen Einstieg, den ich allein vermutlich kaum gefunden hätte.

  • Aus der Serie: Nochn Gedicht!

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    „Du kennst den Weg?“, fragt David leise.

    „Gewiss“, lallt Walter, „bin ja weise.“

    Da seufzt die Zora: „Welch ein Glück!

    Dann find mal in den Kopf zurück.“

    „Ich sah die Welt in Flammen stehen!“

    „Du hast ins Kerzenlicht gesehen.“

    „Ich hörte tausend Teufel lachen!“

    „Was solche Mengen Schnaps so machen.“ usw usw

  • Das Werkzeug macht noch kein Bild 11 - Erinnerungen

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    Und mit der Zeit machte ich eine weitere Entdeckung: Auch Erinnerungen lassen sich in Geschichten verwandeln. Erlebnisse, Menschen und Augenblicke, die jahrzehntelang irgendwo im Gedächtnis geschlummert hatten, wurden plötzlich wieder lebendig. Manche dieser Erinnerungen verlangten geradezu danach, erzählt und in Bildern sichtbar gemacht zu werden.

  • Düstere Geschichten


    Route 66


    Der Tankwart hatte mir geraten, auf dem Highway zu bleiben.

    „Die alte Straße ist nachts gesperrt?“

    „Nein“, sagte er. „Das wäre einfacher.“

    Zwanzig Meilen später verstand ich, was er gemeint hatte. Über der Route 66 hing eine schwarze Wolkenwand. Blitze schlugen zwischen die morschen Telefonmasten. Am Straßenrand brannte das Gras, obwohl Regen gegen meine Scheiben peitschte. Dann stand die Frau vor mir.

    Ich trat auf die Bremse. Sie kniete im Feuer, die Hände auf dem glühenden Boden. Ihr rotes Haar wehte quer über die Fahrbahn. Als sie aufsah, wirkte sie weniger erschrocken als ungeduldig. Ich öffnete die Beifahrertür.

    „Steigen Sie ein!“

    Sie setzte sich neben mich. Kein Brandgeruch. Nur der Duft eines Shampoos, den ich irgendwoher kannte.

    „Fahren Sie“, sagte sie.

    Im Rückspiegel erlosch das Feuer. Dahinter verschwand die Straße. Ich beschleunigte.

    „Hatten Sie einen Unfall?“

    „Ja.“

    „Hier?“

    „Ein Stück weiter. Sie werden sich erinnern.“

    Ich sah sie an. An ihrer Schläfe klebte eine feine rote Haarsträhne. Ich kannte dieses Gesicht. Allerdings hatte ich es nur einen Augenblick gesehen, damals im Scheinwerferlicht. Danach hatte ich mir eingeredet, es sei ein Tier gewesen. Ein Reh vielleicht.

    „Das ist dreißig Jahre her“, sagte ich.

    Sie nickte.

    Vor uns erschien die Kurve. Die Leitplanke war noch unbeschädigt.

    „Ich war jung. Ich hatte Angst.“

    „Ich auch.“

    Ich trat auf die Bremse. Das Pedal sank widerstandslos bis zum Boden. Sie legte ihre Hand auf meine.

    „Diesmal bleibst du.“

    Als ich wieder zu mir kam, kniete ich am Straßenrand. Meine Hände steckten in brennendem Gras. Ich konnte sie nicht zurückziehen.

    Die Frau fuhr in meinem Wagen davon. Seitdem halte ich Ausschau nach Scheinwerfern. Manchmal kommt jemand. Dann schaffe ich es sogar, aufzustehen. Aber sie fahren immer weiter. Ich verstehe das. Aus einem fahrenden Auto sehe ich vermutlich aus wie ein Tier.

    8 Mal editiert, zuletzt von Licke (7. Oktober 2026 um 08:57)